Nachlese - Fachsymposium Wohnungsbau

"Zwischen Grundrecht, Rendite und kultureller Praxis"

 

Im Angesicht von steigenden Bodenpreisen und einem eklatanten Mangel an bezahlbarem Wohnraum diskutierten am 20. September 2018 in Berlin Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis unter dem Motto „Zwischen Grundrecht, Rendite und kultureller Praxis“, wie nachhaltige Architektur, Wohnbaukultur und zukunftsfähige Wohnmodelle in Deutschland aussehen und gefördert werden können. Dazu eingeladen hatten das Bundesbauministerium und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

In ihrer Begrüßung unterstrich Christine Neuhoff, Bundesbauministerium, die Wichtigkeit  der Veranstaltung für das Ministerium sowie die Relevanz für das Förderprogramm der Variowohnungen.

In unterschiedlichen Themenblöcken wurden die Ansprüche und Erwartungen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie innovative Wohnkonzepte und Visionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln präsentiert und diskutiert.

Als Einführung gab Thomas Willemeit, Graft Architekten, mit seinem Impulsvortrag „Wohnungsbau im Spannungsfeld von Experimentierfreude und Heimatssehnsucht“ einen internationalen Überblick der heutigen Herausforderungen und Lösungsansätze im Bereich Wohnen. Er sieht den Schlüssel für erfolgreiche Projekte in dem Dialog zwischen Politik, Investoren und Planern.

Im ersten Themenblock „Wohnungsbau unter Druck“ ging es dann um eine Bestandsaufnahme und das Aufzeigen von Problemen und Möglichkeiten in der aktuellen Wohnraumkrise. Angesichts einer sich wandelnden Gesellschaft mit ihren flexiblen Lebens- und Arbeitsstrukturen, schwindenden räumlichen Bindungen und sich ändernden Konsumbedürfnissen diskutierten und präsentierten Christiane Thalgott, Prof. Guido Spars und Dr. Robert Kaltenbrunner hierzu Lösungsansätze. Ricarda Pätzold thematisierte unter dem  Schwerpunkt „Suffizienz oder Notwendigkeit“ die Frage, wie sich Wohnqualität auch in verdichteten Städten sichern lässt. Im dritten Themenblock behandelten Anna Popelka, Andreas Hofer und Klaus Theo Brenner den Einfluss neuer Lebensstile und Wohnbedürfnisse auf Wohnstandards und –formen. Der finale Themenblock ging der Frage nach, ob mit der starken Fokussierung auf die ökonomischen Aspekte des Bauens und den strengen Vorgaben durch Baugesetze und Normen ein Verlust an Baukultur einhergeht. Von Dr. Fritz Neumeyer, Tom Kaden und Ingo Malter wurden Strategien aufgezeigt und diskutiert, um in diesem Spannungsfeld qualitätsvollen, bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum zu schaffen.

Den Schlusspunkt des fachlichen Teils der Veranstaltung setzte der Soziologe Dr. Heinz Bude mit seinem pointierten Vortrag "Baupanik in der Einwanderergesellschaft. Creative City, Arrivalcity oder Smartcity?". Er regte an, den Blick nicht nur auf die Metropolregionen zu richten, sondern auch auf die ‚ordinary cities‘  in Deutschland. Als die größten Globalisierungsgewinner können diese Städte mit einem robusten Arbeitsmarkt mit hohem Arbeitskraftpotential, guten Ausbildungseinrichtungen, wie beispielsweise Fachhochschulen ('hidden champions'), sowie einer hohen lokalen Dichte, Kompetenz und Kooperation aufwarten.

Abgerundet wurde die Veranstaltung beim gemeinsam Grillen und Get-Together im Hinterhof des Hotel Oderberger mit einer Dinner-Speech des Journalisten Philipp Haaser.

Die Moderation der Veranstaltung übernahmen der Journalist David Kasparek und Helga Kühnhenrich, BBSR.

Zusammenfassung der Vorträge

Die vorgestellten Thesen und Lösungsansätze wurden jeweils pro Themenblock unter Einbeziehung von Fragen aus dem Publikum diskutiert.



Themenblock 1 - Wohnungsbau unter Druck
Christiane Thalgott, ehemalige Stadtbaurätin in München forderte in ihrem Beitrag ‚Boden als Gemeingut – wir brauchen ein soziales, dem Gemeinwohl verpflichtetes Bodenrecht‘ dazu auf, in Deutschland eine radikal andere Bodenpolitik einzuführen. Konkrete Maßnahmen bestünden in der Ermächtigung für eine Infrastruktursatzung im BauGB und einer Innenbereichssatzung analog zur Entwicklungsmaßnahme. Eine zeitliche Begrenzung des Baurechts wäre eine Maßnahme um das Horten und Handeln mit Grundstücken zu begrenzen. Laut Thalgott ist ein preislimitiertes Vorkaufsrecht für eine gemeinwohlorientierte Planung wichtig und müsste auch Wohnungseigentum einbeziehen. Sie forderte außerdem, dass die BimA ihre Grundstücke zu einem niedrigen Preis für bezahlbaren Wohnungsbau abgeben solle, da die Grundstücke und Gebäude schon einmal vom Steuerzahler finanziert worden seien. Des Weiteren solle die öffentliche Hand alle Grundstücke nur noch im Erbbaurecht vergeben.  Im Bereich des Steuerrechts forderte Thalgott eine reine Bodenwertsteuer anstelle des Kostenwertmodells.


Prof. Guido Spars, Bergische Universität Wuppertal,  ging in seinem Beitrag ‚Wohnungsmärkte unter qualitativem Druck? Ansätze, Probleme, Forderungen‘ auf die zunehmende Individualisierung und damit verbundene Pluralisierung der Lebensstile sowie das Auftreten neuer Trends (u.a. Singularisierung, Co-Housing, Sharing) ein. Laut Spars führt dies zu einer Ausdifferenzierung der Wohnungsnachfrage und zu einem wachsenden qualitativen Nachfragedruck am Wohnungsmarkt. Er zeigte auf, dass aufgrund produktionswirtschaftlicher Besonderheiten die Wohnungsanbieter zur Risikoaversion neigen und daher die Versorgung der qualitativen Zusatznachfrage nur suboptimal erfolgt. Vorgestellt wurden erste Lösungsansätze, wie zum Beispiel die Entwicklung von Wohnungsbauprojekten auf Grundlage von Konzeptvergaben und der verstärkte informelle Zugang zum Wohnen.

Dr. Robert Kaltenbrunner, stellvertretender Leiter des BBSR stellte in seinem Vortag ‚Urbanes Wohnen: Weiter wie gewohnt?‘ einige grundsätzliche Beobachtungen und Gedanken zum Wohnungsbau in der Form von elf Thesen bzw. Forderungen vor. Er hob hervor, dass das Wohnungsproblem inzwischen wieder so virulent ist, dass wir über die Produktionsbedingungen von Architektur nachdenken müssen.

Themenblock 2 – Suffizienz oder Notwendigkeit
In ihrem Beitrag  ‚Flächensparendes Wohnen - Wechselbeziehungen zwischen Dichte, Wohnqualität und Preis‘ ging Ricarda Pätzold, Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), der Frage nach, wie eine hohe Wohnqualität weiterhin gewährleistet werden kann. Mit zunehmender Verdichtung in Städten werde es in den Städten immer enger. Sie hob hervor, dass es beim flächensparenden Wohnen vor allem die Weiterentwicklung von Wohnqualitäten und das gemeinschaftliche und nachbarschaftliche Zusammenleben in Gebäuden und im Wohnquartier gehe. Im Idealfall sollte eine „Arbeitsteilung“ von Angeboten in Wohngebäuden bzw. im Wohnumfeld und im öffentlichen Raum ermöglicht werden. Sie hob jedoch hervor, dass Gemeinschaft nicht nur Raum an sich benötigt. Gemeinschaft entstehe nur durch eine aktive Teilhabe der Bewohner, im Idealfall ‚kuratiert‘ von einer verantwortlichen Person.

Themenblock 3 - Temporär und jederzeit flexibel
Anna Popelka, PPAG Architekten, stellte in Ihrem Vortrag ‚Wohnen hat keine Form‘ Beispiele von neuen Formen des städtischen Wohnens vor, die zwar ganz auf spezielle Bedürfnisse der Bewohner eingehen jedoch eine gewisse Allgemeingültigkeit beibehalten. Popelka ist überzeugt davon, dass unsere heutige pluralistische Gesellschaft vielfältige Lösungen braucht, also Strukturen mit Ambiguität und Veränderbarkeit. Die Herausforderung sei nun, mit dieser Komplexität umzugehen.

Entgegen dem Titel seines Vortrags ‚Wir brauchen neue Wohnstandards – Strategien für eine lebenswerte Stadt‘ betonte Andreas Hofer, dass wir keine neuen Wohnstandards brauchen, sondern ein Nachdenken über unsere Werte und den Sinn von Standards. Er prangerte an, dass in den letzten Jahrzehnten viel standardisiert wurde, was aber wenig zur Gewährleistung von Qualitäten beitrage. Genauso entspriche das Standardprodukt Familienwohnung in durchgrünter Siedlung nicht mehr der heutigen gesellschaftlichen Realität. Als gutes Gegenbeispiel nannte er den experimentellen Wohnungsbau in Zürich, der sich seit rund 20 Jahren als Standard entwickelt habe. Impulse setzten dort eine Vielzahl an gebauten Beispielen, mit einer Weiterentwicklung von Projekt zu Projekt, welche letztlich eine Entwicklung und einen Lernprozess angestoßen hätten.
Anhand von drei gebauten Beispielen, bei denen Hofer als Mitbegründer und Projektleiter beteiligt war, stellte er die Besonderheiten dieser wegweisenden Projekte vor (wie beispielsweise ein nicht-hierarchischer öffentlicher Planungsprozess, Zusammendenken von Städtebau und Architektur, Vielfalt des Wohnungsschlüssels, Selbstaneignung von öffentlichem und privatem Raum, Konzept zur Bespielung der Erdgeschosse).

In seinem Vortrag ‚StadtArchitektur – StadtWohnen‘ plädierte Klaus Theo Brenner, Architekturbüro Klaus Theo Brenner, dafür, das Wohnungsthema nicht losgelöst von der Entwicklung der Stadt zu betrachten, sondern als eine Einheit von Stadt und Haus, von Struktur und ästhetischer Erscheinung. Seine vorgestellten Entwurfsansätze bezogen sich dabei auf traditionelle Elemente europäischer Stadtarchitektur, die mit einem zeitgenössischen Programm und einer aktuellen ästhetischen Ausdruckskraft verknüpft werden. Das Thema der Fassade versteht er als sinnliche Kulisse des öffentlichen Raumes.

Themenblock 4 – Strategien gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus
Dr. Fritz Neumeyer, Professor der TU Berlin i. R., plädierte in seinem Beitrag ‚Billig bauen - teuer bezahlt. Kritik der Leitbilder im Wohnungsbau‘ dafür, dass sich Wohnungsbau mit Stadtgestaltung und Urbanität auseinandersetzen muss. Laut Neumeyer erweist sich die Qualität von Wohnungsbau als kultureller Praxis durch die Fähigkeit städtischen, öffentlichen Raum zu erzeugen. Er betrachtet den öffentlichen Raum als Teil des Wohnens; die Architektur nicht nur Behältnis der Bewohner, sondern auch als sichtbaren Ausdruck dessen. Wohnungen und öffentlicher Raum sind somit komplementäre Bereiche, die zwar voneinander getrennt sind und zu verstehen sind, jedoch in eine Art Kooperation bestehen. Neumeyer plädiert dafür, weniger den Fokus darauf zu richten einzelne individuelle Bedürfnisse auszudifferenzieren und zu bedienen. Vielmehr gehe es darum herauszufinden wie sich Individualitäten und die komplexen Anforderungen unserer heutigen Zeit verbinden lassen.

Im abschließenden Vortrag ‚Urbaner Holzbau‘ hob Tom Kaden, Kaden und Lager Architekten, hervor, dass es bei ihm in der Planung weniger um ikonische Architektur-Form-Phantasien geht, sondern um autochthone Entwicklungen mit einem möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck. Laut Kaden kann der Holzbau einen substanziellen Beitrag zur Ökologisierung der Bauwirtschaft leisten als ein Produkt und Teil einer Kreislaufwirtschaft. Da der Holzbau immer auch als Typenbau zu verstehen sei, die einzelnen Bauteile vorgefertigt würden, müsse im Sinne guter baukultureller Praxis ein großes Augenmerk auf die Gestaltung der Gebäude gelegt werden. Ansonsten bestünde die Gefahr die Fehler der Moderne zu wiederholen. Es wurden mehrere Beispiele in Holz-Hybridbauweise im urbanen Kontext vorgestellt, die durch das Büro geplant und umgesetzt wurden.

Die abschließende Podiumsdiskussion der Redner fand zusammen mit Ingo Malter, Geschäftsführer der StadtundLand Wohnungsbaugesellschaft statt. Malter hob hervor, dass guter sozialer Wohnungsbau mehrheitstauglich sein muss und nicht auf alle individuellen Bedürfnisse eingehen kann.


Die Erkenntnisse aus den Beiträgen und Diskussionen des Symposiums fließen in die wissenschaftliche Begleitung der Modellvorhaben der Variowohnungen ein.

 

Graphic Recording und Illustration der Themenblöcke: Gabriele Heinzel

Präsentationen:

Themenblock 1: Wohnungsbau unter Druck

Boden als Gemeingut - wir brauchen ein soziales, dem Gemeinwohl verpflichtetes Bodenrecht - Christiane Thalgott, Stadtbaurätin München i.R.

>> Wohnungsmärkte unter qualitativem Druck? Ansätze, Probleme, Forderungen - Prof. Dr. Guido Spars, Bergische Universität Wuppertal / Institut für Raumforschung und Immobilienwirtschaft
>> Urbanes Wohnen: Weiter wie gewohnt? - Dr. Robert Kaltenbrunner, Stellvertretender Leiter des BBSR

 

Themenblock 2: Suffizienz oder Notwendigkeit

>> Flächensparendes Wohnen - Wechselbeziehungen zwischen Dichte, Wohnqualität und Preis - Ricarda Pätzold, Difu, Berlin

 

Themenblock 3: Temporär und jederzeit flexibel
>> Wohnen hat keine Form - Anna Popelka, PPAG Architekten
>> Wir brauchen neue Wohnstandards - Andreas Hofer, Architekt / Intendant IBA Stuttgart
>> StadtArchitektur – StadtWohnen  - Klaus Theo Brenner, Architekt

 

Themenblock 4: Strategien gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus
Billig bauen - teuer bezahlt. Kritik der Leitbilder im Wohnungsbau - Prof. Dr. Fritz Neumeyer, TU Berlin
>> Urbaner Holzbau - Prof. Tom Kaden, Kaden und Lager Architekten