Kurzbericht

Ältere Menschen auf dem Mietwohnungsmarkt

Wohnen im Alter: Studie identifiziert 11 Handlungsfelder für die Wohnungswirtschaft

Kompaktbericht

Laden sie den Bericht als .PDF herunter.

Projektseite

Hier finden Sie alle Informationen zum Projekt in detaillierter Fassung.

Der demografische Wandel macht ältere Menschen zu einer wichtigen Zielgruppe der Wohnungswirtschaft. Viele ältere Menschen befinden sich dabei in einer sogenannten Lock-in-Situation: Sie leben in Wohnungen, die nicht oder nicht mehr altersgerecht sind, während insbesondere finanziell schwächere ältere Menschen nur eingeschränkten Zugang zu bezahlbaren Alternativen haben. Eine aktuelle Studie zeigt, unter welchen Voraussetzungen Wohnungsunternehmen diese Situation adressieren können – insbesondere durch strategische Verankerung und integrierte Maßnahmenpakete.

Leitende Institution

TU Berlin

Projektende

2024

Forschende

Prof. Dr. Kristin Wellner

Johanna Sadiki

Prof. Dr. Peter Ilg

Förderung

Zukunft Bau 10.08.18.7-21.50

Wohnen im Alter im demografischen Wandel

Herausforderung

Der demografische Wandel ist längst Realität: Selbst von den 85- bis 90-Jährigen lebt nur etwa jede zehnte Person in einer Pflegeinstitution. Die große Mehrheit wohnt weiterhin zur Miete oder im Eigentum. Damit kommt der Wohnungswirtschaft eine zentrale Rolle bei der Versorgung älterer Menschen mit Wohnraum zu.

Viele ältere Menschen wären grundsätzlich offen für einen Umzug in eine altersgerechtere Wohnung. Dieser ist jedoch häufig nicht realisierbar, da das Preisgefälle zwischen günstigen Bestandsmieten und deutlich höheren Angebotsmieten am Markt einen Umzug finanziell erschwert. Gleichzeitig haben sozio-ökonomisch schwächere ältere Menschen oft nur eingeschränkten Zugang zu bezahlbaren, altersgerechten Wohnungen.

Auf stark nachgefragten Wohnungsmärkten sind ältere Interessent:innen im Vermietungsprozess häufig im Nachteil. Sie entscheiden langsamer, benötigen mehr Informationen und stellen höhere Anforderungen an Vermietungsabläufe als jüngere Generationen. Ohne gezielte Maßnahmen besteht die Gefahr, dass sie im Wettbewerb um bezahlbare Wohnungen weniger berücksichtigt werden. Der derzeitige Fokus der Wohnungswirtschaft liegt vor allem auf barrierefreiem Neubau und Service-Wohnen. Für eine nachhaltige Wohnraumversorgung sind jedoch auch Bezahlbarkeit, der Zugang für finanziell schwächere Gruppen sowie angepasste Vermietungsprozesse von Bedeutung.

Systematische Analyse mit 360-Grad-Perspektive

Forschungsansatz

Ein Forschungsteam der Technischen Universität Berlin, der Zimraum GmbH Zürich und des Swiss Real Estate Institute untersuchte von 2022 bis 2023, wie Wohnungsunternehmen ältere Menschen besser mit altersgerechtem Wohnraum versorgen können. Der Forschungsansatz kombinierte quantitative und qualitative Methoden.

Eine Online-Befragung mit 241 Vertreter:innen der Wohnungswirtschaft lieferte Daten zur aktuellen Situation. Ergänzend wurden 22 Praxisbeispiele aus 12 Wohnungsunternehmen – darunter kommunale, genossenschaftliche und privatwirtschaftliche Akteure – analysiert. Die Perspektive der Nachfrageseite wurde über drei Fokusgruppen mit insgesamt 20 älteren Menschen eingeholt, die unterschiedliche sozio-ökonomische Hintergründe und Wohnungsmarktsituationen aufwiesen. Die Ergebnisse wurden in einem hybriden Fachaustausch mit rund 60 Expert:innen aus Wohnungsunternehmen, sozialen Institutionen und Fachverbänden reflektiert.

Umsetzung von Maßnahmen (n=100)
Quelle: Eigene Befragung der Wohnungswirtschaft

Fünf zentrale Erkenntnisse mit konkreten Handlungsansätzen

Ergebnisse

1. Strategische Verankerung im Unternehmen

Das Engagement von Wohnungsunternehmen für das Wohnen im Alter hängt wesentlich davon ab, ob entsprechende Strategien oder Teilstrategien im Unternehmen verankert sind. Kommunale Unternehmen und Genossenschaften nehmen ältere Menschen häufiger als relevante Zielgruppe wahr (61 % bzw. 52 % „sehr stark“) als privatwirtschaftliche Unternehmen (40 %). In suburbanen und ländlichen Räumen ist diese Wahrnehmung stärker ausgeprägt als in Städten und Großstädten. Die Studie zeigt, dass eine strategische Ausrichtung verschiedene markt- und unternehmensbezogene Rahmenbedingungen übersteuern kann. Insbesondere im Vermietungsmanagement werden Maßnahmen vor allem dann umgesetzt, wenn auf Führungsebene ein klares Commitment zum Wohnen im Alter besteht.

2. Integrierte Maßnahmenpakete statt Einzelmaßnahmen

Der Lock-in-Effekt lässt sich vor allem dann adressieren, wenn verschiedene Handlungsfelder miteinander verknüpft werden. Umzüge älterer Menschen in altersgerechte Wohnungen gelingen insbesondere dann, wenn Sensibilisierung für das Wohnen im Alter, ein passendes Wohnungsangebot, zielgerichtete Vermarktung sowie ein angepasstes Vermietungsmanagement zusammenwirken. Fehlt eines dieser Elemente, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Umzüge realisiert werden.

3. Vorrangiger Zugang zu bezahlbarem Wohnraum

Die Versorgung finanziell schwächerer älterer Menschen mit bezahlbarem Wohnraum gelingt vor allem dann, wenn das Vermietungsmanagement einen klaren Auftrag erhält, dieser Zielgruppe Vorrang einzuräumen. Auf stark nachgefragten Wohnungsmärkten steht das Vermietungsmanagement unter dem Druck, Wohnungen schnell und diskriminierungsfrei zu vergeben. Ein explizites Commitment der Führungsebene und entsprechende Anreizstrukturen sind notwendig, um zusätzlichen Aufwand und gezielte Ansprache zu ermöglichen. Kommunen können unterstützend wirken, etwa durch Belegungsauflagen, Förderbedingungen oder kooperative Prozesse.

4. Ansprache und soziale Kompetenzen

Datenschutz- und Diskriminierungsanforderungen erschweren die direkte Identifikation älterer Wohnungsinteressent:innen. Wohnungsunternehmen nutzen daher entweder ungerichtete Kommunikationsmaßnahmen oder indirekte Wege über zielgruppenspezifische Kanäle. Kommunikations- und Unterstützungsmaßnahmen sowie das Härtefallmanagement können generationenübergreifend ausgerichtet werden, erfordern im Umgang mit älteren Menschen jedoch häufig mehr Zeit und soziale Kompetenzen. Kooperationen mit sozialen Institutionen oder Beratungsstellen können dabei unterstützend wirken.

5. Elf Handlungsfelder und Umsetzungsschwerpunkte

Die Studie identifiziert elf Handlungsfelder. Der Schwerpunkt der bisherigen Aktivitäten liegt im Portfolio- und Asset Management, insbesondere im barrierefreien Neubau (76 %), bei barrierearmen Wohnungen (70 %) und bei der Anpassung bestehender Wohnungen (55 %). Im Vermietungsmanagement bestehen hingegen deutliche Lücken: Nur 15 % der befragten Unternehmen verfügen über spezielle Ansprechpersonen für ältere Menschen, lediglich 16 % bieten Umzugsangebote an. Maßnahmen zur Förderung von Umzügen zählen zu den wenigen Möglichkeiten, die Wohnmobilität älterer Menschen zu erhöhen.

Zusammenwirken der Handlungsfelder
Quelle: Forschungsprojekt